Testbericht Galaxy S8 Plus: Spitzenhandy mit Abstrichen

In den vergangenen drei Wochen hat die Technik-Redaktion von Radio4TNG das Samsung Galaxy S8 Plus getestet. Der Alltagsbericht.

Der Grund, warum ich mich für die Plus-Variante entschieden habe, ist einfach zu erklären. Als langjähriger iPhone-Nutzer habe ich immer einen verächtlichen Blick auf die Phablet-Nutzer geworfen. Ich war zufrieden mit dem 4.7’’-Display meines Gerätes. Das wichtigste Argument dabei: das Gerät passt in die Hosentasche, was heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist. Nun wollte ich mich für einmal selbst an einem grossen Mobiltelefon versuchen und sehen, ob das Gerät tatsächlich so gross ist wie erwartet und vor allem, wie es sich im Alltag schlägt.

Als ich das Gerät ein erstes Mal in die Hand nahm, spürte ich sofort den Unterschied zum letztjährigen Modell. Die Vorderseite wird jetzt beinahe nur noch vom hochauflösenden Display eingenommen, die Ränder sind auf ein Minimum reduziert worden. Dies macht sich im Alltag angenehm bemerkbar, doch die Angst vor Schäden bei einem Sturz erhöht sich bei diesem Gerät noch einmal merklich. Eine Schutzhülle ist in jedem Fall empfohlen Die erste Euphorie eines randlosen Displays weicht jedoch nach kurzer Zeit einer kleinen Ernüchterung, denn nicht überall kann der randlose Bildschirm überzeugen. So werden Videos im Querformat nicht über den gesamten Bildschirm abgespielt, sondern links und rechts mit einem schwarzen Rand angezeigt. Auch die abgerundeten Displayränder, welche zuerst schön aussehen, weisen nach wenigen Stunden einen groben Schönheitsfehler auf. So ist die Bildschirmkalibrierung zu wenig genau, aus normalem Blickwinkel weisen die Ränder einen grauen Streifen auf (siehe Bild).

Schön ist anders. Das von Samsung integrierte Widget, welches die viel benutzen Apps mit einem Swipe von der rechten Seite aus verfügbar macht, benutze ich persönlich nie. Ansonsten aber vermag das Display zu überzeugen: die Auflösung ist gestochen scharf, hier hat Samsung ganze Arbeit gearbeitet. Für einen energiefreundlicheren Betrieb lässt sich die Auflösung in den Einstellungen anpassen, mein Gerät wurde meistens auf der mittleren FHD+-Stufe mit 2220×1080 Pixeln betrieben. Auch die Farbkalibrierung ist gelungen, Inhalte jeglicher Art werden schön und vor allem scharf dargestellt.

Irisscanner und Fingerabdruck mit mässiger Umsetzung

Einen physischen Home Button hat das Galaxy S8 Plus wie bereits im vergangenen Jahr nicht, für mich als iPhone-Nutzer die vermeintlich grösste Umstellung. Doch die gelingt überraschend gut, bereits nach wenigen Tagen vermisse ich den Knopf überhaupt nicht mehr. Einen netten Nebeneffekt bringt die virtuelle Taskleiste zusätzlich noch mit: Bei der Betrachtung von Inhalten wie beispielsweise Videos, Fotos oder auch Spielen wird diese ausgeblendet und stellt so den gesamten Bildschirm für Content zur Verfügung. Für die Entsperrung bietet Samsung nebst der Gesichtserkennung, welche mehr oder weniger zuverlässig funktioniert, auch einen Iris-Scanner sowie den Fingerabdrucksensor an. Als Brillenträger fällt bei mir die Iris-Erkennung weg. Samsung weist bei der Einrichtung ausdrücklich darauf hin, dass Brillen abgenommen werden müssen. Auch der Fingerabdrucksensor ist keine Alltagslösung, schliesslich wurde er direkt neben der Kamera platziert. Im Alltag drückt man daher eher auf der Kameralinse als auf dem Scanner herum, ständiges Putzen der Kamera wird damit zur Pflicht.

Wenn sie denn geputzt ist, kann man die Kamera, welche der koreanische Hersteller in seinem aktuellen Flaggschiff verbaut, auch nutzen. In den vergangenen Jahren musste Samsung immer wieder Kritik für überrissene Farben und zu ungenaue Konturen einstecken. Diesen Problemen haben sich die Entwickler gewidmet – mit Erfolg. Fotos gelingen im Automatik-Modus meist auf Anhieb, für fortgeschrittene Nutzer bietet die hauseigene Kamera auch einen Pro-Modus mit vielen Einstellungsmöglichkeiten. Die Fotos der Bildserie wurden jedoch allesamt im Automatikmodus aufgenommen. Farben werden schön dargestellt, ganz ohne automatische Farbverstärkung geht es aber auch in diesem Jahr nicht. Ganz so realitätsnah wie die Fotos anderer Hersteller sind die Aufnahmen des S8 Plus leider nicht, aber dennoch hat der Hersteller einen grossen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Die Frontkamera vermag ebenfalls zu überzeugen und liefert Selfies in hervorragender Qualität.

Starke Leistung, schwaches Bixby

Für das aktuelle Flagschiff hat Samsung ausserdem damit begonnen, einen neuen Spracherkennungsdienst zu entwickeln. Der auf den Namen Bixby getaufte Assistent soll den Nutzern helfen, alltägliche Dinge zu erledigen, ähnlich wie Amazons Alexa oder Apples Siri. Den Koreanern schien dieser bislang lediglich auf Englisch und Koreanisch verfügbare Dienst so wichtig, dass sie einen physischen Bixby-Button eingebaut haben. Dieser findet sich unter den Lautstärketasten und ist damit denkbar ungünstig platziert. Mehr als einmal aktivierte ich beim Versuch, die Lautstärke zu reduzieren, den auf Deutsch unbrauchbaren Dienst. Offenbar verärgerte die Taste neben mir auch viele andere Nutzer. Samsung bietet mit einem aktuell ausgelieferten Software-Update daher neu die Möglichkeit, den Button vollständig zu deaktivieren.

Leistungsmässig liefert das Gerät das, was man von einem Flagschiff erwartet: Apps öffnen sich schnell und bleiben im Hintergrund lange geöffnet, aktuelle Spiele laufen ruckelfrei und auch Benchmark-Tests spielen sich wie erwartet auf einem hohen Level ab. Samsung spendiert dem vorinstallierten Android-System wie jedes Jahr seine hauseigene TouchWiz-Oberfläche, welche flüssig läuft und vor allem in den Einstellungen deutlich mehr zulässt als andere Mobiltelefone. Dennoch kommt es beispielsweise im Vergleich zu einem OnePlus 5 immer mal wieder zu App-Abstürzen, welche das Gesamterlebnis ein wenig trüben. Auch die Akkulaufzeit vermag zu überzeugen. Ein voller Tag ist für das Gerät selbst bei häufiger Benutzung absolut kein Problem. Auf meinem Testgerät verbrauchte der energiesparende Modus interessanterweise jedoch mehr Akku als der normale Modus. Für besonders energiefressende Anwendungen bietet Samsung auch einen Power-Modus, welcher die volle Leistung des Gerätes entfesselt – natürlich auf Kosten der Batterie.

Unter dem Strich konnte Samsung viele Probleme der Vorgängergeneration anpacken und auch beheben. Im Alltag müssen zwar noch immer kleinere Probleme in Kauf genommen werden, beispielsweise bei den ausgrauenden Displayrändern oder beim für Brillenträger nicht nutzbaren Iris-Scanner. Ebenso fällt die von Samsung integrierte Bixby-Taste negativ auf, welche ungewollt den Sprachassistenten öffnet. Insgesamt macht die Benutzung des Samsung Galaxy S8 Plus jedoch Spass und funktioniert ohne Probleme. Für mich persönlich wäre das Gerät auf Dauer allerdings zu gross – in meiner Hosentasche findet das Gerät kaum Platz.

Hinweis: Das Testgerät wurde uns für die Dauer des Tests von Digitec zur Verfügung gestellt.

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